Buchcover Narzissmus - die WiederkehrBuchrezension

Hans-Werner Bierhoff, Michael Jürgen Herner (2009):  Narzissmus – die Wiederkehr . Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern, 1. Auflage

 Der spanische Meister Salvador Dali hat mit seinem Werk „Métamorphose de narcisse“ das Bild zum Buchumschlag geliefert: es zeigt den in sich selbst versunkenen Narziss am Wasser; daneben zwei Finger mit einem Ei, aus dem eine Narzisse herausragt.

Die Autoren beginnen mit ihren Ausführungen zum Thema ebenfalls bei Narziss, einem Mythos aus der griechischen Geschichte. Dieser hat sich in sein eigenes Spiegelbild verliebt und ging an dieser unerfüllbaren Liebe zugrunde. An jener Stelle, an der sein Körper verging, wuchs eine Blume – die Narzisse.

 Die Ausprägung des Narzissmus hat zwischen 1985 und 2006 unter Studierenden in den USA erheblich zugenommen. Diese „Epidemie“ beschränkt sich nicht nur auf weisse US-Amerikaner, sondern kann allen westlichen Ländern zugeschrieben werden. Die fast schon inflationäre Zunahme von Casting Shows, TV-Formaten wie Big Brother oder Dschungelcamp, Miss- und Misterwahlen und sonstigen Talentwettbewerben auch in Europäischen Regionen unterstreicht dies. 

Diese Buchrezension ist ein Gastbeitrag von Matthias Hartl. Vielen Dank Matthias. 

Der heutige Begriff des Narzissmus geht auf Sigmund Freud zurück. Er geht davon aus, dass Narzissten ihre Liebe nach innen richten und dass sich der Narzisst im Endeffekt selber liebt. Die beiden Autoren zeigen auf, wie sich im 20. Jahrhundert das Verständnis des Narzissmus weiterentwickelt hat. Sie gehen dabei einerseits auf die Klinische Psychologie und Diagnose ein, und beleuchten andererseits auch noch die Persönlichkeitsforschung und die Sozialpsychologie.

 Woran „erkennt“ man einen Narzissten, was ist das Besondere an einer narzisstischen Persönlichkeit? Diese Fragen lassen sich nicht einfach beantworten. Im Buch werden verschiedene Merkmale aufgeführt, die sich jeweils unterschiedlichen Ausprägungen des Narzissmus zuordnen lassen. Grundsätzlich sind Narzissten machtmotiviert und handlungsorientiert. Im täglichen Leben äussert sich das beispielsweise darin, dass Narzissten: 

  • ihre beruflichen Fähigkeiten höher einschätzen als die ihrer Mitarbeiter
  • sich für sehr gute Liebhaber halten
  • meinen, in politischen Diskussionen die besten Argumente zu vertreten  

Das agentischen Modell, welches im Buch detailliert dargestellt wird, geht davon aus, dass die Fundamente des Narzissmus in einer ausgeprägten agentischen Orientierung liegen (Agentische Eigenschaften werden Männern zugeschrieben, während das Gegenstück  – kommunale Eigenschaften – als typisch für Frauen angesehen werden). In diesem Modell werden einerseits die Bedeutung von interpersonalen Fähigkeiten und andererseits die Rolle von Persönlichkeitseigenschaften betont, welche am Schluss zum narzisstischen Selbstwert Neben den grundlegenden Ausführungen werden auch verschiedene Fallbeispiele aufgeführt, die deutlich zum Ausdruck bringen, was ein narzisstisches Wesen beinhaltet resp. was die Konsequenzen aus dem entsprechenden Handeln sein können. Anhand von diesen Beispielen werden auch die verschiedenen narzisstischen Persönlichkeitstypen eingeführt; dadurch wird ersichtlich, dass der Narzissmus kein eindeutiges und klar typisierbares Auftreten mit sich bringt. Mechanismen wie Statusgewinn und dadurch Steigerung des Selbstwerts, Selbsttäuschung und vor allem auch Abwehrmechanismen zur Erhaltung des Selbst werden aufgezeigt und erläutert.   

Die einzelnen Kapitel des Buches sind so strukturiert, dass verschiedene Themen abschliessend verarbeitet werden. So findet man neben den bereits erwähnten Grundlagen und dem Modell auch Ausführungen zu Behandlungsmöglichkeiten, zu den Unterschieden zwischen normalem und pathologischem Narzissmus, zur Interaktion mit Narzissten und zum Thema „Wie es sich anfühlt, einen Narzissten zu lieben“. Die Autoren haben aus sehr vielen wissenschaftlichen Studien und Untersuchungen Informationen herbeigezogen und miteinander korreliert, zudem gehen sie in einzelnen Abschnitten sehr detailliert auf die Forschungsergebnisse von berühmten und etablierten Narzissmusforschern ein. Am Schluss des Buches kann der Leser dank einem Fragebogen selber seinen Hang zum Narzissmus feststellen.   

Das Buch will einen Überblick über die verschiedensten Facetten des Narzissmus geben. Dieses Ziel wird auch erreicht, allerdings mit Abstrichen; es ist schwer zu erkennen, an wen sich das Buch adressiert. Einerseits erhält man eine sehr gute Übersicht über neuzeitliche Forschungsergebnisse, andererseits fehlt teilweise der Bezug zum ‚durchschnittlichen’ Leser, der sich eher für das Phänomen des Narzissmus interessiert, ohne den ganzen wissenschaftlichen Hintergrund. Auf der Buchhülle steht „Unterhaltsam geschrieben“. Dieses Attribut trifft auf weite Strecken des Buches leider nicht zu. Die Autoren verlieren sich vor allem im Bereich der Grundlagen und Typisierung in all jenen Definitionen, die bereits zum Thema abgeliefert wurden. Einzig das Kapitel über „Wie es sich anfühlt, einen Narzissten zu lieben“ ist wirklich unterhaltsam geschrieben. Hier scheinen mehr Gefühle und Persönlichkeit eingeflossen zu sein. Des Weiteren gibt es im ganzen Buch kein Bild und keine Grafik, einzig Tabellen und zwei Flussdiagramme bringen minimalste Abwechslung.  

Das Fazit der Botschaft des Buches kann leicht auf den Punkt gebracht werden: „Gehen sie Narzissten aus dem Weg. Und falls sie selber einer sind, dann besteht eigentlich wenig Hoffnung auf Heilung…“

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